Herr Bert – Grönemeyer

„Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“  steht auf einem der Paradegebäude des Wiener Jugendstils, der Wiener Secession. Damals, um die Jahrhundertwende, lehnte sich eine Gruppe innovativer und fortschrittlicher Künstler gegen den herrschenden Konservativismus auf. Es begann ein spannendes Zeitalter, in dem Fortschritt und Bewahrung in allen Lebensbereichen aufeinander stießen. Und die Auseinandersetzung scheint bis heute noch nicht beendet zu sein.

Wobei: am Ende des 20. Jahrhunderts konnte man das Gefühl bekommen, dass die Gesellschaft und die Politik aus dem politisch stark beanspruchten 20. Jahrhundert gelernt hat und geläutert war. Nun, das war ein Trugschluss. Anstatt Versöhnung und das Gemeinsame über alles zu stellen, radikalisierten sich die Gesellschaft und die Politik an den äußeren Rändern. Und diese Radikalisierung wandert immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Dieser Effekt wurde auch durch die Sozialen Medien begünstigt, die (in missbräuchlicher Art) von vielen ideologischen Boots verwendet wurden bzw werden, um ihre Idee als alleingültige durchzusetzen. 

Das geht nicht nur auf Kosten des gesellschaftlichen Konsenses, sondern strahlt mittlerweile auch in die Kunst und Kultur ein. Jüngstes Beispiel ist das Konzert von Herbert Grönemeyer in Wien. Sein kurzes Statement zum wiedererstarkten rechten Gedankengut und dessen Erfolg ging in den Sozialen Medien viral mit teilweise völlig abstrusen Vergleichen – wie zb mit einer aktuellen Rede von Herbert Kickl am FPÖ-Parteitag. Ein nicht einmal einminütiger Ausschnitt eines 3 h15 min dauernden Konzertes, das weit entfernt war von Aggression und vermeintlicher Agitation. (Sagt auch viel über eine Welt aus, die wir nur mehr durch die digitale Brille sehen …)

Das Statement im Wortlaut:

„Ich kann mich nicht erinnern in meinen Leben an solche Zeiten, ich kannte das nur vom Hörensagen, in Zeiten zu leben, die so zerbrechlich, so brüchig und so dünnes Eis sind. Und ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, das ist glaube ich in Österreich nicht anders, als in Deutschland, dann liegt es an uns dann liegt es an uns, zu diktieren, wie ne Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen, wer rechtes Geschwafel für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze! Diese Gesellschaft ist offen, humanistisch, wir geben den  Menschen Schutz (unverständliches Wort) und wir müssen diesen Menschen so schnell wie möglich und ganz ruhig verständlich machen, es gibt keinen Millimeter nach Rechts! Keinen einzigen Milliemeter nach rechts! Und das ist so. Und das bleibt so!“

Wer Grönemeyer Konzerte kennt (und ich gehe seit 25 Jahren auf solche), weiß, dass Herr Bert mehr schreit als singt. Selbst bei seinen „ruhigen“ Liedern. Dass er der Prototyp des Deutschen ist, den wir Österreicher in einer Art Hassliebe gegenüberstehen. Aber als Besucher eine solchen Konzertes weiß man auch, wie friedlich und harmonisch diese Konzerte ablaufen. Wie die Menschen durch seine Texte nachdenklich werden und vorallem aus lauter Kehle mitsingen. Grönemeyer sprach sein Statement vor einem 14.000 Menschen starkem Publikum, das seine Worte beklatschte. Dass er nicht mit leiser Stimme weitersprach, versteht sich von selbst. Und dass Künstler wie er durch seine Texte und sein Wirken seit Jahren vor dem Wiedererstarken des Rechtsextremismus warnen, ist auch nicht wirklich neu.

Erschreckend ist in dem Zusammenhang die Willkür, wie Künstler wie Herbert Grönemeyer als radikal und faschistisch versucht werden dargestellt zu werden. Kunst provoziert, attackiert und soll auch nachdenklich machen. Zur Selbstreflexion aufrufen. Politisch wie emotional. Bereits 1986 veröffentlichte Grönemeyer auf seinem Album „Sprünge“ das Lied „Tanzen“, in dem er vor einem deutschen Nationalstolz warnte, der wieder in Gedankenwelten der 30 Jahre des 20. Jahrhunderts münden könnte. 

Sein aktuelles Lied „Fall der Fälle“ ist ebenso ein sehr nachdenklich machendes Stück. Es spricht davon, wie rasch man selbst verführt werden kann, „rechtem“ (wobei ich mehr für den Terminus rechtsextrem bin) Gedankengut zu verfallen. 

Dass Künstler wie Grönemeyer sich mittlerweile solchen Attacken wie gerade aktuell gegenübersehen, spricht nicht für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Wir leben offenbar in sehr destruktiven Zeiten. Ich hoffe, Grönemeyer lässt sich dadurch nicht beirren.

 

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