Emanzipation heisst Entscheidungsfreiheit
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Da war sie wieder. Eine dieser Schlagzeilen, die mich innerlich fluchen und äußerlich kopfschütteln machen. „Keine einzige CEO: Frauenanteil in Börsen-Vorständen stagniert“: Das stand da auf LinkedIn, einem sozialen Netzwerk, das Frauen UND Männer unter extremen Performancedruck setzt. Es geht um die Stagnation des Frauenanteils in ATX-gelisteten Unternehmen.
„Na und?“, war mein erster Gedanke, als ich diese Headline las. „Das ist doch die Entscheidungsfreiheit, die wir Frauen immer wollten. Wie zum Beispiel, nicht Vorständin in einem ATX-Unternehmen zu werden.“ Es ist nämlich so: Wir Frauen messen unsere Gleichberechtigung an den falschen Parametern. Und diskriminieren schon mal als Erstes uns selbst. Sind wir Frauen emanzipiert, wenn genug Frauen in Vorständen von ATX-Unternehmen sitzen? Ich glaube nicht. Es ist im Grunde ein Zeichen von Entscheidungsfreiheit – nämlich, ob man sich so einen Vorstandsjob überhaupt antun will. Welche Prioritäten man im Leben hat. Das ist keine Diskriminierung, sondern eine Abwägung von Für und Wider.
Was könnten andere Parameter sein, an denen wir Gleichberechtigung messen? Wir sprechen doch ständig von Work-Life-Balance – mittlerweile gelten 30 Stunden für viele als „neue 40-Stunden-Woche“, im Berufsleben nachgefragt von Männern wie Frauen. Und dennoch wird Emanzipation (auch) am Frauenanteil in Spitzenpositionen gemessen. Diese Sichtweise greift zu kurz.
Ich, zum Beispiel, war immer eine Gegnerin der Quote. Warum? Weil diese Quote die Gefahr birgt, nicht den bestgeeigneten Kandidaten (geschlechtsneutral) zu bestellen, sondern paritätisch geschlechtlich sichtbar zu sein. Meine Damen und Herren, auf diese Form von Sichtbarkeit verzichte ich. Warum? Weil sie weder Kompetenz noch Qualität garantiert, sondern primär das Geschlecht fördert. Sind wir Frauen so schwach, dass wir das noch nötig haben?
Abgesehen davon: Sichtbarkeit bedeutet Uniformierung im Auftritt – weiße Bluse, blauer oder schwarzer Hosenanzug, wer besonders mutig ist, zieht Sneakers an. Selbst zum Rock. Individualität ist optisch nicht gefragt, sondern Anpassung. Emanzipation und Gleichberechtigung durch optische Anpassung. Finde den Fehler.
Dazu kommt: Je erfolgreicher die Frau ist, umso mehr zieht sie Neid und Missgunst von anderen Frauen auf sich, noch dazu, wenn sie sich in einem primär männlichen Umfeld behaupten muss. Da helfen auch keine Frauenseilschaften. Kommt da ein uralter, Jahrtausende bestehender archaischer Code zum Tragen – nämlich, dass die Attraktivste vom Mann zwecks Fortpflanzung ausgewählt wird? Die Gründe für fehlende Frauensolidarität haben sich im Geschäftsleben freilich grundlegend verändert – das Verhalten oft nicht.
Die wirklichen Probleme liegen ja dennoch ganz woanders: Equal Pay Day, Equal Pension Day, Teilzeit und Bezahlung. Nach wie vor verdienen die Frauen im Schnitt deutlich weniger als Männer. Unabhängig von der Funktion. Teilzeit ist eine gängige Beschäftigungsform, die vor allem bei Frauen große Auswirkungen für die spätere Pension hat (sofern es überhaupt eine Pension gibt und das System nicht schon früher kollabiert). Wenn Frauen sich also für eine Teilzeitbeschäftigung entscheiden, sollte man nicht hier die (finanziellen) Rahmenbedingungen verbessern, da sie eher den Lebensrealitäten entsprechen?
Aber ernsthaft: Warum sind wir nicht auch da selbstbewusster und setzen uns prinzipiell für eine Lohnerhöhung in den Bereichen ein, die vorwiegend weiblich besetzt sind? Pädagogik, Pflege, Gesundheitssystem, Handel … um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Berufe leisten unverzichtbare Arbeit für uns als Gesellschaft – in der Corona-Pandemie nannte man all das „kritische Infrastruktur“. Und trotz aller Kritik wurden diese Berufsstände nicht aufgewertet. Denn jeder weiß, dass Gehalt einhergeht mit sozialem Status und Anerkennung. Das heißt im Umkehrschluss: Klassische Frauenberufe sollten so attraktiv werden, dass einmal eine Schlagzeile lautet: „Nur 13,5 Prozent der ElementarpädagogInnen sind Männer“. Sie verstehen?
Aber vielleicht ist die Sichtbarkeit auch eine Frage der Bildung, wie so vieles. Literatur, Oper, Schauspiel – alles ist voll von Frauenfiguren, die alle Aspekte des Lebens durchmachen. Liebe, Leid, Krieg, Konflikt, Kampf, Diskriminierung, Depression, Krankheit etc. Zählen Tosca und Carmen nicht zu den stärksten Frauenrollen in der Oper? Hat nicht auch Mozart die besten Rollen für Frauen geschrieben? Sind nicht seit jeher die Frauen im Ballett präsenter gewesen – lange romantisiert, später durch Choreografen wie George Balanchine in den Mittelpunkt des Schaffens gestellt und entsprechend gesehen? Was ist mit Botticellis Venus? Oder den Karyatiden in der antiken Architektur?
Die Geschichte ist voll von erfolgreichen, starken Frauen. Es sind Frauen, die genauso gescheitert sind oder intrigiert haben oder Netzwerke gesponnen haben. Wieso werden wir über diese nicht besser aufgeklärt und belehrt in der Schule? Aber ich schweife ab. Frauen haben derzeit andere Probleme. Durch MAGA in den USA, aber auch durch die Woke-Bewegung werden Frauen jeweils auf ihre Werkseinstellung zurückgeworfen – ohne dass es den jeweiligen Bewegungen bewusst ist, wie ähnlich die Ideologien einander sind.
Die Gesellschaftspolitik kann nach wie vor mit gleichberechtigten und selbstbewussten Frauen nicht umgehen. Die Entscheidung, welche Lebensform sie wählen, wie sie sich kleiden, wie sie sich ausdrücken, resultiert aus einer jahrhundertlangen tradierten Umgangsform, die noch in uns allen drinnen steckt – also auch in uns Frauen.
Daran müssen wir arbeiten, dies selbst abzulegen und dem Reflex wie bei anfangs erwähnter Überschrift zu widerstehen, geringeren Frauenanteil als Scheitern der Emanzipation zu betrachten. Die Emanzipation ist dann gescheitert, wenn wir sie mit alten Argumenten als gescheitert erklären. In der Zwischenzeit müssen wir Frauen allerdings stark darauf achten, nicht wieder in eine Rolle zurückgedrängt zu werden, die wir schon lange überwunden geglaubt haben.
Und übrigens meine ich: Die Trans-Debatte ist eine der größten Bedrohungen von Feminismus und Emanzipation. Und dennoch wird sie von Frauen teilweise mit großer Aggression unterstützt.
Ziel ist doch: sagen, was ist, ausdrücken, was ist, hinterfragen, was ist und auch Frauen kritisieren können, ohne mit der Solidarisierungskeule bedroht zu werden. Denn das ist nämlich genau keine Solidarisierung: diese einzufordern, wenn sie nicht gefragt ist.
In Abwandlung eines Zitats von Simone de Beauvoir schließe ich diesen Kommentar: „An dem Tag, an dem es der Frau möglich sein wird, nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke zu arbeiten, nicht um sich selbst zu entfliehen, sondern um sich selbst zu finden, nicht um sich selbst zu erniedrigen, sondern um sich selbst zu behaupten – an diesem Tag wird die Arbeit für sie, wie für den Mann, eine Quelle des Lebens und nicht der tödlichen Gefahr werden.“