Hoppe Strategia Politica Media

Vanitas politica austriaca

Fragen Sie mich nicht warum, aber dieser Tage nahm ich seit wirklich sehr langer Zeit wieder den Stowasser zur Hand. Das ist DAS latein-deutsches Wörterbuch, ohne das ich Cicero, Ovid und Catull nicht überlebt bzw übersetzt hätte. Und beim Durchblättern bleibe ich beim Wort „vanitas“ hängen – „Leere“. Mit dem Hinweis, dass es im Latein des Mittelalters auch für Eitelkeit steht. „Leere“ und „Eitelkeit“ – da fiel mir sofort die politische Auseinandersetzung in den Sozialen Medien ein.

Inhaltsleere

So inhaltsleer waren wir im politischen Diskurs schon lange nicht mehr. Einzig und allein das Metathema hat gewechselt: von der Migration zur Klimakrise. Dieses Thema zieht sich durch alle Parteien und bringt mitunter seltsame Stilblüten wie „H2Ö“ (Copyright Die Neue Volkspartei) hervor. Sonst geht es politisch um gar nichts. Oder zumindest werden die teilweise skurrilen Vorgänge nicht in einen politischen Kontext gestellt. Stichwort „Schreddern“.
Der politische Diskurs in den „Sozialen“ Medien ist völlig abhanden gekommen, das Radikale (also eigentlich, das an der Wurzel beginnende) hat überhand genommen, es wird nicht mehr diskutiert, sondern verleumdet, gemassregelt, moralisiert (in wessen moralischen Auftrag?) und beschuldigt. Kultivierte Konversation, Auseinandersetzung und Diskussion: Fehlanzeige. Begleitet wird das oft mit einem sehr oberflächlichen Wissen von Fakten bzw Inhalten. Bzw eigentlich keinen Inhalten. Dafür treten seltsame idiomische Ausdrucksweisen zu Tage, lokale Dialekte verschriftlicht, die je nach Thema eingesetzt werden, um das Argument des Gegenüber nochmals zu entwerten und lächerlich zu machen.

Persönliche Eitelkeit

Dann haben wir noch die persönliche Eitelkeit als politischen Faktor. Der junge Altkanzler und der ehemalige und entlassene Innenminister liefern uns täglich Paradebeispiele dafür. Die Faktenbasis wird hierbei völlig aussen vorgelassen. Wobei beide Parteien bzw deren (ehem.) Vorsitzende schon immer mit der eigenen Eitelkeit spielten. Grundtenor: Sie sind gegen ihn weil er für Euch ist.
Die Eitelkeit ist national wie international ein wesentlicher Bestandteil der Personalisierungsstrategie in der Politik der letzten Jahre geworden – und erfährt durch das Aufflammen von populistischen Bewegungen zusätzliche Wirkung. Da sind die Sozialen Medien ein dankbares Forum dafür –  noch nie wurde in der Geschichte der politischen Kommunikation soviel Wert auf das richtige (und damit manipulierende) Bild gelegt. Egal ob Foto oder Bewegtbild. Dabei befruchten die beiden Begriffe von „Vanitas“ einander: je grösser die Eitelkeit, um so grösser die (inhaltliche) Leere.

Werner Kogler hingegen ist ein Paradebeispiel, dass Eitelkeit sehr wohl mit Inhalt einher gehen kann. In einem Kraftakt sondergleichen hievt er über das zentrale Thema Klimakrise die Grünen aus ihrer Existenzkrise heraus zu neuen politischen Höhenflügen. Vorallem dank Inhalten.

Erstaunlicherweise – oder eigentlich nicht – sind Beate Meinl -Reisinger und Pamela Rendi-Wagner die uneitelsten politischen Proponentinnen. Für die Feministin in mir eine erfreuliche Tatsache. Ist doch Eitelkeit oft auch als weibliches Phänomen verschrien. Die beiden Parteivorsitzenden zeigen jedoch auf sehr unterschiedliche Weise auf, dass in ihrem Engagement weder persönliche Eitelkeit noch Inhaltsleere stehen (müssen). Problematisch wird es erst dann, wenn die Vermarktung ansteht –  dann geht der Inhalt gerne in die Knie zugunsten kurzlebiger sozial medialer Slogans.

Soziale Medien im Wahlkampf

In  Österreich haben wir nun seit fast 4 (!) Jahren einen gefühlten Dauerwahlkampf. Die Auseinandersetzungen finden dabei in den Sozialen Medien statt: die „Elite“ matcht sich auf Twitter, die „Masse“ auf Facebook. Dass dabei unser aller Wirken, Schreiben und Tun, sprich unsere Daten, ein teures und wichtiges Gut im Wahlkampf sind, hat uns der Skandal rund um Cambridge Analytica aufgezeigt. Die Erstellung von Psychogrammen von WählerInnen aufgrund von abgezogenen Daten aus Facebook hat nachweislich die Brexit-Abstimmung und die US-Präsidentenwahl 2016 beeinflusst. Wir sind alle quasi argumentativ und manipulativ zu unseren eigenen Gegnern mutiert. Wurden gegeneinander ausgespielt. Ohne es zu wissen. Da die Sozialen Medien sehr stark mit unserer Eitelkeit (Klicks, Likes, Follower, etc) spielen und wir oft Botschaften mit grosser Inhaltlsleere posten (Stichwort Duckface), ist die Frage, ob es nicht demokratiepolitisch richtig wäre, entweder Soziale Medien so zu regulieren, dass Manipulation de facto nicht stattfinden kann oder diese  – wie eigentlich in ihrem ursprünglichen Sinne  – nur für private Zwecke zu verwenden (Achtung, ich bin jetzt shitstormgefährdet)

Jedenfalls gefährden Eitelkeit und Inhaltsleere, die dank Sozialer Medien eine Riesenrenaissance erfahren, die Politik und ihre Instrumentarien. Der Populismus bedient sich dankend der Sozialen Medien – unpopuläre Ansätze (für gute Politik ein wichtiger Aspekt, um langfristig für Stabilität, Frieden und Wohlstand zu sorgen) haben momentan keine echte Chance. Wir dürfen uns die Politik nicht kaputt machen lassen. Sie ist die Basis unseres Lebens, Wirkens und Wohlstandes. Uneitel und inhaltsstark.

2 Antworten
  1. Andreas Scherer
    Andreas Scherer says:

    Ich habe selten, ein im Grunde sehr ernstes Thema, so locker „runtergeschluckt“ wie Ihre Ausführungen. Man kann „spielerisch“ leicht Ihren Gedanken folgen. Sie legen klar, und mit Achtung Ihre Sichweisen dar.
    Danke für diese klaren Worte!.

    Antworten

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