Pfarrer Weber und Mare Nostrum

45, 39 % der Österreicher_innen gingen letzten Mai zur EU-Wahl. Enttäuschend wenig, in den anderen  EU-Staaten war es auch nicht besser. Interessant daher, wie jetzt die EU von „ihren Bürger_innen“ zur Handlung aufgerufen wird (Stichwort „Mare Nostrum“) aufgrund der Flüchtlingstragödien im Mittelmeer. Eigentlich hat die EU keine mehrheitliche Legitimation durch die europäische Bevölkerung. Und das schon seit Jahren.

Die Berichterstattung in den Medien zu den Massakern der Boko Haram Milizen waren bis heute unter Ferner liefen zu finden. Da und dort sind immer wieder Kurzartikel über kriegerische Auseinandersetzungen auf dem afrikanischen Kontinent zu lesen. Und damit endet die Berichterstattung schon. Kein Wort darüber, wer die Waffenlieferanten sind (meistens die USA, Russland, China oder zb Deutschland). Keine Analyse, dass die verfolgten und bedrohten Menschen einen Migrationsstrom auslösen werden bzw bereits ausgelöst haben, und in Angst um ihr Leben sich gegen Europa bewegen werden: um den Wasserweg über das Mittelmeer als Fahrt in eine sichere und bessere Zukunft zu nutzen. Keine Recherche, welche Strukturen und politischen Regime sich nach dem sogenannten „Arabischen Frühling“ eingestellt haben. Die Radikalisierung in den nordafrikanischen Ländern wird immer isoliert betrachtet, die Abschaffung ungeliebter afrikanischer Diktatoren durch westliche Grossmächte und deren Kooperation mit örtlichen radikalen Milizen (wie zb Jihadisten) wird in keinem Zusammenhang mit drohenden Flüchltingsströmen und (bewusst herbeigeführten) politischen Chaos gebracht.

Aufgeklärtes Europa – where R you?

Das Europa, auf das ich so stolz bin, ist das Europa der Aufklärung, der humanistischen Ideale, der Freiheit, des Schutzes der persönlichen Freiheiten des Bürgers. Die EU hat sich diesen Werten sehr wohl verschrieben, nur bekommt sie noch immer keine breite Zustimmung ihrer Bürger_Innen bei den Wahlen. Stattdessen dominieren weiter sehr stark die nationalen Interessen vor denen der Union: Vorallem aus der wirtschaftlichen Perspektive ist am Beispiel Afrika enge Kooperation für Förderung von Rohstoffen, Fischrechten, etc an der Tagesordnung. Dabei wird darüber hinweggesehen, dass der politische Partner meist kein Demokrat ist sondern autoritär in seinem postkolonialem Land agiert. Und das ist grundsätzlich falsch.Europa hat hier die Aufgabe, wie schon vor über 200 Jahre auf dem eigenen Kontinent, der afrikanischen Bevölkerung die Bildung und die Aufklärung zu kommen zu lassen, um individuelle, kritische denkende Bürger aus ihnen zu machen. Einen Bürger, der es schafft, sich wirtschaftlich so zu emanzipieren, dass er sich sein Leben leisten kann und damit auch auf Augenhöhe mit der Politik agieren kann. Fragen stellt, Kritik äussert, und dabei eine persönliche Unabhängigkeit hat, die schlussendlich auch seinem Land dient auf dem Weg zu einer aufgeklärten, liberal agierenden Gesellschaft.

Pfarrer Weber und Karlheinz Böhm

In Österreich war es nach 1815 unter anderem dereinst Pfarrer Weber, der mit seiner Idee eines Kontos für jedermann die Basis für die Selbständigkeit und Eigenverantwortung des Bürgers/ der Bürgerin legte. Er und viele andere, die verstanden haben, dass wirtschaftliche Sicherheit und Autonomie zur Zufriedenheit und Fortschritt einer Gesellschaft führen, sind klassische Beispiele für die Protagonisten der sozialen Marktwirtschaft. Diese ist in Wahrheit eines der besten Exportgüter Europas für den Kontinent Afrika, um einerseits unsere Haltung eines aufgeklärten und humanistischen Europas zu transportieren, andererseits in Form der Entwicklungshilfe den Menschen Vorort so zu helfen, dass ihnen die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft und noch Schlimmeres erspart bleibt.
Die EU hat genug Kraft dafür, ein solches Projekt durchzusetzen. Und dass solche Ideen erfolgreich sein können, hat vor über 30 Jahren KarlHeinz Böhm in Äthiopien bewiesen. Er und Pfarrer Weber hatten denselben Einfall.

 

Es gibt nicht fünf Milliarden Menschen, sondern fünf Milliarden Mal EINEN Menschen, Karlheinz Böhm
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