Populismus

Neue Aufklärung dringend gesucht

Ich habe mir dieser Tage mehrere Dokus über die Gier und den Grössenwahn deutscher Banken und Grossfirmen angeschaut. Unter anderem zur West LB und der Bayerischen Landesbank bzw Quelle (Karstadt) und Schlecker. Da war von der Migrationskrise noch nichts zu sehen. Aber die Gesellschaft hat es schon damals gespalten. Unbemerkt. Und der Abstieg der Sozialdemokratie hat damals begonnen. Unbemerkt. Wir haben uns alle immer mehr von einer humanistischen Gesellschaft entfernt. Unbemerkt. Wir brauchen eine neue Aufklärung.

Interessant an den Dokus ist, dass der Konsument von damals noch vorwiegend analogen Medien nicht wirklich etwas von dieser „Abzocke“ mitbekommen hat. Bzw von den Vorgängen nicht nur nicht keine Ahnung sondern auch kein Verständnis weil keine Einsicht hatte. Milliarden wurden verspekuliert, nicht in Deutschland wie auch auf dem bereits maroden amerikanischen Markt, bei dem sich die kommende Finanzkrise bereits abzeichnete. Am Ende wurden dann die systemrelevanten Banken (ein mehr als perverser Ausdruck) durch das Steuergeld gerettet. In Österreich haben wir mit der Hypo eines der besten Beispiele davon. Betroffen waren aber nicht nur die Steuerzahler sondern auch die kleinen Sparer, die ihr Erspartes erstmal in ein Kapitalmarkt Produkt investierten, von dem sie weder Ahnung noch Sicherheit hatten. Da kam zum ersten Mal die Wut gegenüber dem System auf. „Die da oben spielen mit unserem Geld“. Der Beginn einer politischen Anti-System Bewegung. Interessant in Deutschland war der Aspekt, dass sowohl bei der West LB als auch der Hypo Real Estate in Deutschland jeweils der sozialdemokratische Finanzminister (einmal im Land, einmal im Bund) Peer Steinbrück war. Unter Steinbrück wurde auch der Handel mit „Verbriefungen“erleichtert, die man später unter dem Begriff „Schrottpapiere“ bekannt wurden. Aus heutiger Sicht eine für die Sozialdemokratie unverzeihliche Massnahme.

Finanzkrise=Bankenkrise=Staatenkrise=soziale Krise

Die Finanzrkrise hinterliess in den europäischen Gesellschaften klaffende Lücken. Die Kluft zwischen Arm und Reich ging immer mehr auf. Vorallem wurden die Verursacher der Krise nur zum Teil zur Verantwortung gezogen. Es war Zeit für die antisystemischen Bewegungen (wie zb Tsipras) – mit grosser Unterstützung der Sozialen Medien. Endlich werden die Sozialen Medien ihrem Namen gerecht. Nirgends sonst ist so eindeutig sichtbar, wie die Gesellschaft in ihrer Argumentation auseinander driftet und das Schablonendenken quasi kultiviert wird. Sehr eindrucksvoll (lakonisch gesagt) war das bei der Griechenland Krise zu vernehmen. Es gab nur zwei Lager: Schäuble/ Merkel und Tsipras/ Varoufakis/ Tsakolotos. Differenzierte Diskurse und Analysen, kritische Hinterfragungen waren bereits nicht mehr möglich.

Trotz der hohen Komplexität des Themas, dass nur EU-Banken- und Finanzexperten im Überblick hatten, wuchs einerseits eine riesige Solidarisierungswelle für Griechenland – während zeitgleich Merkel mit Hitler verglichen wurde.

Dieses Bild drehte sich ins genaue Gegenteil, als die Flüchtlingsbewegung in Europa ankam. Plötzlich war Merkel jene, die für die Parallelgesellschaften und den Terrorismus Import zuständig war –  aus einem protestantischen Grossmut heraus, wie viele vermuteten. Wiederum waren die Sozialen Medien Triebkraft für die Beförderung und Befeuerung dieses Bildes. Den Widerspruch der in kurzer Zeit transportierten Bilder fiel den wenigsten auf – auch nicht mehr den meisten etablierten analogen Medien, deren Vertreter sich zahlreich auch sozial medial betätigen und oft bereits das kritische Augen verlieren.

Aufklärer 2.0?

Und dann kamen sie: Thomas Piketty zb mit seiner Kapitalismuskritik (die momentan sehr stark von US Abgeordneten der Demokraten wie Alexandria Ocasio Cortez betrieben wird), Pankaj Mishra, der die Europäer für zu eurozentristisch hält und ihnen den rechtspopulistischen Ruck vorhersagte, Francis Fukuyama und seine Theorie der Gefährdung des liberalen Rechtsstaates und Promiphilospohen wie Richard Precht. Aber tragen sie zu einem Ausgleich in der Gesellschaft bei? Zu konsensualer Kritik? Zu einer offeneren, gerechteren wieder humanistischeren Gesellschaft, in der auch Werte wie Bildung, Wissen und Kultur eine Rolle spielen? 

Ich sage nein. Das sind nicht die Vertreter, die wir brauchen. Vorallem halten sie sich ausserhalb des Mainstreams auf. Sind für den Boulevard nicht geeignet (ausser für Attacken und Projektionsflächen). Die alte Elite hat versagt, nun braucht es Aufklärer aus der Mitte der Gesellschaft, damit wir uns wieder einigermassen einfinden. Ohne Polemik, ohne Auseinanderdividierung, ohne desaströse Wortwahl dafür konsensual kritisch. Optimistisch bin ich dafür nicht. 

2 Antworten
  1. Michael winkler
    Michael winkler says:

    Sehr geehrte Frau Hoppe!

    Es ist von Ihnen sehr gut und verständlich dargestellt und ebenfalls spannend zu lesen ! Es ist ein klarer Plan dahinter zu erkennen,dass Europa destabilisiert werden sollte und als Konkurent am Weltmarkt geschwächt werden soll!
    Aber wer sind die Nutznieser und Profiteure ?
    Das wäre für mich eine interessante Frage ? Weil sie auch über die Griechenlandkrise schreiben und Tsipras / Varoufakis erwähnen , empfehle ich Ihnen ( wenn sie es nicht ohnehin schon gelesen haben ) das Buch von Yanis Varoufakis „Die ganze Geschichte, meine Ausernandersetzung mit Europas Establishmant !“ Im Kunstmann Verlag.

    Außerdem erlaube ich mir , Ihnen zu ihren Diskussionsbeiträgen in der gestrigen Diskussion mit Frau Thurnherr um 22.30 in ORF III zu gratulieren ! Richtige und messerscharfe Analysen !

    Mit freundlichen Grüßen

    Michael Winkler

    Antworten

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