Strategieberatung

Alter Ego oder Oida Ego?

Vorweg: ich bin unter einem Bundeskanzler Bruno Kreisky gross geworden. Er war bereits weit über 60, als ich ihn erstmals politisch wirklich wahr genommen habe. Nicht ganz anders war das mit seinen Kabinetten: es waren ältere, etablierte Damen und Herren, die sozialdemokratische Politik machten. Sie waren präsent in Zeitungen und im Fernsehen. Visuell prägte Bruno Kreisky mein Bild des Politikers nachhaltig. Gemeinsam mit Olaf Palme und Willy Brandt.

Jung und ungestüm waren Schifahrer und Fussballspieler. Politiker waren erfahren, geprägt von Erlebnissen im 2. Weltkrieg (die meisten im Widerstand), in ihrem unverrückbaren Kampf für Demokratie und Freiheit. Junge, ungestüme PolitikerInnen gab es nicht. Dennoch habe ich im Rückblick nicht das Gefühl, dass auf die Jugend vergessen wurde. Im Gegenteil.

Es hat sich vieles völlig geändert. Und zwar erst in den letzten Jahren. National wie international. Auch das Wahlalter. In Österreich kann man schon mit 16 wählen. Ist Oida im politischen Diskurs wichtiger geworden als der/ die Alte?
Ein Versuch einer Analyse.

1. These

Interessenspolitisch hat es die „Jugend“ heutzutage nicht so leicht mit dem Durchsetzen der politischen Anliegen. Das liegt weniger am Inhalt als an der Grösse der Gruppe. Demographisch ist die „Jugend“ durch Geburtenschwache Jahrgänge nicht nur in Österreich sondern in der gesamten EU eher dezimiert.

Das bedeutet, die Jugend braucht Verbündete, um ihre Anliegen sichtbar zu machen. „Friday for Future“ ist so ein Beispiel. Unbestritten ist hier wieder eine politische Mobilisierung der jungen Menschen entstanden. Mit einer Ikone aus Schweden – zu meiner Zeit war es Pippi Langstrumpf, diesmal ist es Greta Thunberg, die auf sehr eigenwillige Weise auf die Gefahren der Klimakrise hinweist. Nur: ausser Marketingaktionen vor allem in den Neuen Medien ist bis dato nicht viel passiert.

Ausnahme: die Grünen erleben ein Zustimmungshoch unverhofften Ausmasses. In Deutschland haben die Grünen bereits die Sozialdemokraten als zweistärkste Partei hinter CDU abgelöst. Auch bei den Europawahlen haben sie dazugewonnen. „It is just a jump to the left“ – schon der Time warp der Rock Horror Picture show hat angedeutet, dass es im Grunde nur ein Anliegen und einen Anreiz braucht um wieder zu reüssieren

II. These

Der alte, weisse Mann. Ich tendiere ja zu „der alte, weise Mann“. Wir werden immer älter. Die Europäische Union hat deshalb in der letzten Legislaturperiode ein Programm namens „Silver Economy“ verfasst. Bedeutet: es wird auf die Erfahrung, Geistes- und Wissenskraft der Generation 70+ zurückgegriffen. Auch in der Start Up Branche.

Prinzipiell eine faszinierende Idee, da so das Pensionssystem nachhaltig entlastet werden kann. Allerdings kristallisiert sich immer mehr ein Generationenkonflikt heraus. Vor allem von Seiten der Jungen. Respekt und Demut vor dem Alter ist nicht mehr gegeben, Dieser Trend fliesst auch in die Politik ein. Junge, unerfahrene Männer und Frauen kandidieren für unterschiedliche politische Funktionen und erklären die Lösungen für die Welt zu besitzen. Frei nach dem Motto „Wenn Du alt bist, hast du keine Ahnung von den Anliegen der Jungen.“

Meines Erachtens ein folgenschwerer Trugschluss. Jugendpolitik sind Partikularinteressen. Politik ist aber dazu da, die grossen Metathemen anzustossen und anzusprechen. Digitalisierung zum Beispiel. Die Annahme, dass Digitalisierung ein Jugendthema ist, ist schlichtweg falsch. Soziale Medien sind keine Expertise für Digitalisierung. Digitalisierung ist ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema, das Erfahrung braucht und jugendlichen Optimismus. Ebenso das Thema Klima. Ein klassisches Generationsübergreifendes Thema. Und beides ist nicht zum Ausspielen Alt gegen Jung geeignet.

III. These

Kompromiss ist das höchste Gut politischer Tätigkeit in einer parlamentarischen Demokratie. Ein interessantes und leuchtendes Beispiel ist dabei das EU Parlament. Hier wird über die Fraktionsgrenzen oft ambitioniertes erreicht. In Österreich verhält es sich anders. Der Begriff des Kompromiss ist auch im Umgang miteinander immer seltener anzutreffen. Die Auseinandersetzungen in den Sozialen Medien radikalisieren in „links“ und „rechts“ – ohne dass die handelnden Personen selbst genau definieren können, was das bedeutet. Jung kritisiert Alt und versucht eine Ablöse, anstatt eine Konklusion zu fahren.

Frauen fahren mit teilweise fremdschämenden Argumenten gegen qualifizierte Männer auf, um eine Art Radikalfeminismus fahren zu können. Und am Ende schwappt dies auch auf die politischen Vertreter über. Jüngstes Beispiel: „Kinderlose Karrieristen“ sind nicht im Stande die (politischen) Probleme des Mittelstandes zu erkennen, meint da die Vorsitzende der liberalen (?) Neos. Wieder wird gespalten: zwischen einem alten und neuen Modell der Lebensführung.

Zu einer alten und neuen Definition vom Begriff der Familie. Es ist ein Angriff auf politisch engagierte Frauen,  die sich für einen Weg entschieden haben und viel bewirkt haben. Es zeigt aber auch auf, wie herausfordernd noch immer die Vereinbarkeit von Job und Familie ist, ohne dass eine Gesellschaftsgruppe indirekt attackiert wird. Mit der aktuellen rechtspopulären und -populistischen Politik in EU droht sogar ein Backlash bei den Frauenrechten und das zurückdrängen in traditionelle Frauenrollen.

IV. Conclusio

Alt gegen Jung, Frau gegen Mann, traditionell gegen Progressiv. Oida, der Alte ist genauso wichtig im politischen Diskurs wie der Junge. Es gibt kein Gut oder kein Böse.

Es braucht einen neuen „Contract social“ im Geiste von Jean Jacques Rousseau, der bereits im 18. Jahrhundert einen wichtigen Grundstein für moderne Demokratie und Demokratietheorie bildete. 

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